Im Gespräch mit Dr. Jim Franklin – Teil 2

Posted onCategoriesAllgemein

Dr. Jim Franklin ist unser Solist auf der Shakuhachi-Flöte. Beim Passionskonzert am 9. April 2017 werden Sie diesen außergewöhnlichen Künstler erleben können. Vorab haben wir mit ihm über sein Instrument und das Requiem von Karl Jenkins gesprochen. Lesen Sie nun die Fortsetzung unseres Interviews mit „Shihan“ Jim Franklin:

Foto: Vlastislav Matousek

SOC: Ist es eine unbedingte Voraussetzung, Spiritualität für das Spiel der japanischen Längsflöte zu besitzen bzw. zu entwickeln?

JF:  Die Grundausrichtung des klassischen Repertoires der Shakuhachi ist meditativ, spezifischbuddhistisch. Meiner Meinung nach muss man aber nicht unbedingt Buddhist werden, um Shakuhachi zu spielen. Eine auf persönlichen Erfahrungen basierte Auseinandersetzung mit einer meditativen oder kontemplativen Tradition (östlich oder westlich) erweist sich jedoch als hilfreich, um als Spieler Zugang zu den Tiefen dieser Musik zu finden. So erging es jedenfalls mir.

SOC: Wie lange hat es gedauert, bis Sie den Titel „Shihan“ (Meister), führen durften, d.h. die Erlaubnis bekamen, Shakuhachi zu unterrichten und Konzerte zu geben?

JF:  Von meiner ersten direkten Begegnung (d.h., das Rohr in die Hand nehmen) bis zum Meistertitel hat es etwa acht Jahre gedauert. Meistens rechnet man mit zehn oder mehr Jahren. Ich habe das Gefühl, dass es bei mir etwas schneller ging, weil ich schon eine vollständige Ausbildung als Komponist hinter mir hatte. Daher musste ich keine musikalischen Grundbegriffe oder Gehörbildung lernen. Ich konnte mich voll und ganz auf die Besonderheiten des Instruments, seine Technik und seine Musik konzentrieren.

SOC: In Stuttgart haben Sie in diesem Jahr bereits ein Shakuhachi-Konzert im Lindenmuseum gegeben. Auch im „Requiem“ von Karl Jenkins wird diese Flöte bei den Haiku-Gesängen solistisch eingesetzt. Zählen Sie dieses Werk zu Ihrem Standard-Repertoire und wo haben Sie es bereits aufgeführt? (Erklärung: Ein Haiku ist eine japanische Gedichtform. Sie gilt als kürzeste Gedichtform der Welt.)

Foto: Volker Schneidereit

JF:  Jenkins „Requiem“ ist inzwischen ein gut bekanntes und beliebtes Stück, man könnte es daher als modernes Standardwerk bezeichnen. Die Frage nach meinen Erfahrungen mit dem Werk ist interessant, und die Antwort ist vielleicht überraschend. Ich kenne das Stück gut, die Shakuhachi-Stimme habe ich aber bis jetzt nie öffentlich aufgeführt, sondern nur privat gespielt. Mehrmals in den vergangenen Jahren habe ich Anfragen erhalten, beim „Requiem“ mitzuwirken, terminlich hat es bei mir aber nie gepasst. Statt dessen habe ich immer fortgeschrittene Schüler von mir als Vertretung hingeschickt, und habe mit ihnen die Shakuhachi-Stimme gründlich einstudiert und ihr Spiel betreut. Es ist mir daher eine Ehre und eine Freude, mit dem Stuttgarter Oratorienchor beim Stück mitzuwirken.

SOC: Auch wir freuen uns sehr auf die musikalische Zusammenarbeit mit Ihnen bei unserem nächsten Passionskonzert. Ganz herzlichen Dank, Herr Dr. Franklin, dass Sie sich die Zeit genommen haben, auf unsere Fragen so ausführlich zu antworten.