27. Oktober 2010
ProgrammJohann Sebastian Bach (1685–1750): Doppelkonzert d-Moll, BWV 1043
Wojciech Kilar (*1932): Thema aus „The Pianist“
Johannes Brahms (1833–1897): Ungarischer Tanz Nr. 5
Peter I. Tschaikowski (1840–1893): Serenade C-Dur op. 48, Pezzo in forma di Sonatina: Andante non troppo – Allegro moderato
Antonio Vivaldi (1678–1741): Gloria D-Dur RV 589
Solisten: Anna Korczynska, Angelika Kumiega, Violine | Jarosław Kaczmarczyk, Klarinette | Michaela Hartmann-Trummer, Anne Kurmann, Sopran | Kristina Beierle, Alt
Ensembles: Orchester des Frédéric-Chopin-Lyceums, Krakau | Kammerchor des Königin-Katharina-Stifts, Stuttgart
Leitung: Piotr Sułkowski, Krakau | Enrico Trummer, Stuttgart
Den Auftakt bildete das vermutlich um 1730 entstandene Doppelkonzert für zwei Violinen in d-Moll von Johann Sebastian Bach, das die ganze Pracht barocker Sinnenfreudigkeit entfaltet. Mit einer Fuge-Exposition mit sich im imitierenden Stil bewegenden Soloinstrumenten eröffnet der 1. Satz. Das im Charakter eines Pastorales gehaltene Largo präsentiert sich in zarter Tongebung, bevor der 3. Satz als Höhepunkt des Konzerts mit solistischer Virtuosität abschließt. Die beiden jugendlichen Violinistinnen Anna Korczynska und Angelika Kumiega überzeugten durch klare Stimmführung im 1. Satz, schmelzenden Klang im anschließenden Largo und eine virtuose Beherrschung ihrer Instrumente im enggeführten Kanon des Schlusssatzes.
In starkem Kontrast zu Bachs Komposition schloss sich „Moving to the Ghetto Oct.31, 1940“, das Wojciech Kilar als Filmmusik für den 2002 erschienenen Film „Der Pianist“ von Roman Polański komponierte. Die düster-unheilschwangere Melodie der Klarinette, von Jarosław Kaczmarczyk ruhig und ausdrucksstark vorgetragen, symbolisiert den Marsch der Warschauer Juden ins Ghetto am letzten dafür möglichen Termin, dem 31. Oktober 1940.
Kein anderes Werk von Johannes Brahms hat die Popularität der UngarischenTänze erlangt. Die 21 Tänze erschienen 1869 zunächst als vierhändige Klaviermusik und wurden später – nur teilwese von Brahms selbst – in Orchesterfassungen umgewandelt. Die Musikerinnen und Musiker des Orchesters präsentierten den Ungarischen Tanz Nr. 5 mit seinem schmissigen 2/4-Takt, dem charakteristischen Kontrast der beiden äußerst einprägsamen Themen – glühende, leidenschaftliche Moll-Melodie in tiefer Lage und ausgelassene, spielerische Dur-Melodie in hoher Lage – temperamentvoll und mit großer Spielfreude.
Die Serenade für Streichorchester op. 48 von Peter I. Tschaikowski entstand 1880, als Tschaikowski sich in die ländliche Abgeschiedenheit von Kamenka zurückgezogen hatte. Der erste Satz ist nicht in Tschaikowskis „russischem“ Stil komponiert, vielmehr lässt sich die Auseinandersetzung des Komponisten mit der Musik des 18. Jahrhunderts, insbesondere mit Mozart, erkennen. Auf eine kurze Einleitung mit gemischtem vollem Streicherklang folgt ein abwechslungsreiches Allegro moderato, das wieder in das Andante vom Beginn übergeht. Ernst und ruhig klingt der Satz mit dem Anfangsthema aus.
Das Publikum dankte Piotr Sułkowski und seinen jugendlichen Musikern mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus.
Der Kammerchor des Königin-Katharinen-Stifts musste anschließend die Herausforderung meistern, den vom ausgezeichneten Orchester bereiteten musikalischen Rahmen und Anspruch auszufüllen. Unter der Leitung von Enrico Trummer präsentierten Chor und Orchester das Gloria von Antonio Vivaldi. Es ist eine der berühmtesten und bedeutendsten Gloria-Vertonungen der Barockzeit und wahrscheinlich im Jahr 1715 entstanden. Im „Gloria in excelsis deo“ lässt Vivaldi den Anblick der himmlischen Heerscharen gleich einer barocken Bilddarstellung vor dem inneren Auge entstehen. In elegischem h-Moll gehalten, mit ausdrucksvollen neapolitanischen Sextakkorden und spannungsreichen Dissonanzen bildet das „Et in terra pax ...“ dagegen die irdischen Mühen des menschlichen Daseins ab. Wiederum in freudigem Charakter gehalten ist das Duett „Laudamus te“ mit den beiden gut harmonierenden Solistinnen Michaela Hartmann-Trummer und Anne Kurmann. Deklamatorisch-homophon mündet „Gratias agimus tibi“ in eine kurze, kunstvoll gearbeitete vierstimmige Fuge. Das „Siciliano Domine Deus“ des Solo-Soprans mit konzertierender Solo-Oboe zeigt eine pastorale Idylle, beide Solopartien wurden hingebungsvoll präsentiert. Mit kämpferisch-energischen Punktierungen gestaltet Vivaldi „Domine fili unigenite Jesu Christe“. Wie auch im „Domine Deus, Agnus Dei“, als Dialog zwischen Solo-Alt und Chor angelegt, symbolisiert Vivaldi hier die Erniedrigung des Gottessohnes, von Kristina Beierle ruhig, klagend und klangvoll vorgetragen. Deklamatorischer Gestus und sakrale Inbrunst bestimmen die Worte „Suscipe deprecationem nostram“. Nach einem beschwingten „Qui sedes“ des Solo-Alts folgt ein Rückgriff auf das Orchesterritornell des Eingangschores im „Quoniam tu solus sanctus“. Die Schlussfuge „Cum sancto spiritu“ geht zurück ein doppelchöriges Gloria von Giovanni Maria Ruggieri von 1708, das Vivaldi hier für einen Chor eingerichtet hat.
Der Chor – zusammengesetzt aus Schüler/-innen, Eltern und Lehrer/-innen des Königin-Katharina-Stifts und unterstützt von Sänger/-innen des Frédéric-Chopin-Lyceums Krakau und des Stuttgarter Oratorienchors – zeigte sich der Herausforderung gewachsen. Enrico Trummer gelang es, Chor und Orchester in kurzer Zeit zu einem einheitlichen Klangkörper zu verschmelzen.
